22.09.2026
Einsamkeit ist kein Phänomen, das nur Menschen im Alter betrifft und sie beginnt auch nicht erst dort, wo jemand allein lebt. Nach unserem Einstieg in die Themenreihe ("Einsamkeit als wachsende Herausforderung") vertiefen wir das Thema nun an einer Stelle, die auf den ersten Blick überrascht: mitten in Familie, Partnerschaft und den verschiedenen Generationen.
Denn ausgerechnet dort, wo Menschen nah beieinander leben, bleibt Einsamkeit häufig unsichtbar. Wir finden das Phänomen Einsamkeit bei Eltern in der Rushhour des Lebens, bei pflegenden Angehörigen, bei Paaren, deren Kontakt sich über die Jahre aufeinander reduziert haben, oder bei Seniorinnen und Senioren, deren soziale Netzwerke langsam schrumpfen.
Der Diözesanfachausschuss "Familie und Generationen" des Kolpingwerk DV Münster hat zu diesen Zusammenhängen Ergänzungen zusammengestellt, die wir im Folgenden unverändert wiedergeben. Sie zeigen, wie vielschichtig Einsamkeit entsteht und wo Kolping mit seinen Angeboten ansetzen kann.
Das Kolpingwerk ist ein Verband, den alle Generationen gemeinsam gestalten. Wir tun etwas dafür, dass die Generationen ...
weiterlesen »Um Einsamkeit zu sehen, muss der Blick nicht nur auf Alleinlebende gerichtet werden. Zwar nimmt die Zahl einzelgängerisch lebender Menschen zu, jedoch lässt sich daraus nicht schließen, dass dadurch automatisch die Belastung durch Einsamkeit steigt. Selbst gewählte Partnerlosigkeit beispielsweise zeugt von Beziehungsautonomie, die wiederum einen Schutzfaktor vor Einsamkeit darstellt. Entscheidend sind also zusätzliche Faktoren: z.B. bringt Verwitwung eine echte Gefährdung mit sich.
In Partnerschaft und Familie bleibt Einsamkeit oft nach außen unsichtbar, ist aber nichtsdestotrotz bei Eltern wie Kindern abhängig von Rahmenbedingungen und Beziehungsqualität vorhanden.
Ein entscheidender Faktor ist die Care-Arbeit. Die zeitliche Belastung durch Fürsorgearbeit erschwert die soziale Teilhabe. So wird Einsamkeit gleichzeitig zum Genderthema, da nach wie vor ein Großteil der Care-Arbeit von Frauen übernommen wird. Ganz besonders betroffen sind Alleinerziehende und pflegende Angehörige. Wichtig wären hier eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine partnerschaftliche Aufgabenteilung der Care-Arbeit und gute Rahmenbedingungen für die häusliche Pflege.
Die Wendepunkte des Lebens sind Risikozeiträume für die Gefährdung durch Einsamkeit. So fallen bei der Familiengründung häufig bisherige Kontakte und gemeinschaftsfördernde Aktivitäten weg. Neue Netzwerke müssen – bei vielfach geringeren zeitlichen Ressourcen – erst wieder aufgebaut werden. Wohnortswechsel oft in Verbindung mit dem Wechsel in eine neue Familienphase oder beruflichen Umbrüchen - reißen Menschen aus dem gewachsenen Umfeld. Job-, Kita- und Schulwechsel erhöhen die Gefahr, einsam zu werden. Wenn Kinder schließlich ausziehen, müssen sich Eltern wie auch die jungen Erwachsenen neu orientieren.
Räumliche und zeitliche Flexibilitätsanforderungen an Familien sind hoch. Dadurch leben nähere und weitere Familienangehörige vielfach weit auseinander. Gemeinsame Zeit zur Beziehungspflege in der Familie wird neben den Anforderungen durch Betreuung und Haushalt durch die Berufstätigkeit beider Partner, flexible Arbeitszeiten und Schichtdienste zu einem knappen Gut. Dabei haben Eltern vielfach keine Wahl: Sie sind gezwungen, beide zu arbeiten, um ein sicheres Auskommen zu haben. Da ist der Arbeitgebergeber mit flexiblen Arbeitszeiten und der Staat mit Unterstützungsangeboten gefragt.
Armut verstärkt das Risiko für Einsamkeit. Intensive Formen der Care-Arbeit wie Kinderbetreuung und Pflege erschweren den Zugang zum Arbeitsmarkt und wirken damit zusätzlich armutsgefährdend. Der unvermindert hohe Anteil von Kindern und Familien in Deutschland, die armutsgefährdet sind oder als arm gelten, sind auch mit Blick auf die Belastungen durch Einsamkeit ein drängendes Problem.
Bei Senioren ab 75 Jahren nimmt Einsamkeit statistisch zu. Diese Zunahme resultiert aus einer Ansammlung von Lebensereignissen, die mit zunehmendem Alter häufiger auftreten und Einsamkeit begünstigen. Dazu zählen der Verlust von Lebenspartner oder Lebenspartnerin, nahestehenden Verwandten und engen Freunden oder Freundinnen, gesundheitliche Einschränkungen, eingeschränkte Mobilität sowie gesellschaftliche Herausforderungen wie Altersarmut (auch durch hohe Kosten stationärer Pflege) und Altersdiskriminierung.
Paare, die ihre Zeit vor allem zu zweit verbringen, haben im Alter keine Kontakte und können diese auch schwer aufbauen. Besonders betroffen sind partnerlose Personen in stationären Einrichtungen, wenn deren Familien weit entfernt wohnen und/oder wenn sie zu den Hochaltrigen zählen.
Was heißt das nun für uns als Kolpingsfamilien? Die gute Nachricht: Vieles von dem, was Kolping ohnehin ausmacht, wirkt genau an den beschriebenen Problempunkten. Der DFA hat auch dazu Ergänzungen zusammengestellt:
Einsamkeit ist nicht unvermeidlich! Sie entsteht in konkreten Lebenslagen und Rahmenbedingungen, und genau dort kann ihr entgegengewirkt werden.
Begegnung braucht Orte, Anlässe und Menschen, die einladen. Die Kolpingsfamilien bieten genau solche Orte und freuen sich über alle, die neu dazukommen, ob jung oder alt, ob gerade zugezogen oder seit Jahrzehnten dabei.
Weiter geht es in unserer Themenreihe „Einsamkeit" in Kürze mit dem nächsten Beitrag.
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