30.10.2019

Das Demokratie-Gen weitergeben

Kolpingwerk: Regionalforum im Kreis Wesel zum Miteinander der Kulturen

Baklava, eine süße Sünde aus zarten Teigschichten, Zuckersirup, Walnüssen, Mandeln, Pistazien, das traditionelle Gebäck im Nahen Osten. Und die deftige Currywurst ist lange schon nicht mehr nur das Leib- und Magengericht der Kumpels aus dem Ruhrpott.

Das Miteinander der Kulturen stand auf dem Speiseplan der regional-politischen Veranstaltung, zu der das Kolpingwerk Diözesanverband (DV) Münster anlässlich seines 160-jährigen Bestehens nach Duisburg Walsum-Aldenrade eingeladen hatte.

„Currywurst trifft Baklava“

Unter dem saloppen Motto des Abends „Currywurst trifft Baklava“ diskutierten Mahmut Özdemir, SPD-Bundestagsabgeordneter für den Duisburger Norden, und Michael van Meerbeck, Direktor des Caritasverbandes für die Dekanate Dinslaken und Wesel, mit Mandatsträger_innen aus Kolping, Politik, Selbstverwaltung und interessierten Gästen. Die stellvertretende Vorsitzende des DV Münster, Anne Ratert, konnte fast 60 Gäste im Adolph-Kolping-Haus begrüßen. Uwe Slüter (Kolping-Geschäftsführer) und Heinrich Wullhorst (Kolpingsfamilie Walsum-Aldenrade) moderierten die Abendveranstaltung.

In seinem Impulsreferat ging Mahmut Özdemir auf Integration und Diskriminierung sowie auf aktuelle und allgemeine bundespolitische Themen ein. „Wir wollen immer schneller, höher und weiter kommen und dabei bleiben Menschen, die hierbei eben nicht mitkommen, auf der Strecke“, analysierte er die gesellschaftliche Situation. „Und das Schlimme ist, dass dies viele nicht mal mehr stört.“

Als großes Problem sieht er den Neid, die Eifersucht und die fehlende Solidarität: „Diese herrschende Ungerechtigkeit und die Selbstsucht werden auf Fragen zur inneren Sicherheit projiziert mit der Angst, andere würden einem etwas wegnehmen oder nur Sozialleistungen abgreifen.“

In Bezug auf die Migration und Integration formulierte Mahmut Özdemir zwei Grundsätze. Jeder müsse Deutsch lernen, „Wenn er das nicht kann, kann er einen Deutschkurs bekommen, um dies zu lernen“, sowie sich an das Grundgesetz halten. „Und wer beides nicht will, muss sich die Frage stellen, ob er im Land bleiben möchte.“ Aus seiner Sicht sollten die Integrationsräte abgeschafft und das Geld besser in Bildung gesteckt werden.

Türkenkinder bekamen keine Eins

Mahmut Özdemir, vor 32 Jahren als Kind einer türkisch-stämmigen Arbeiterfamilie in Duisburg-Homberg geboren und aufgewachsen, kann aus eigenem Erleben ein Beispiel auf die Frage nach eventuell gescheiterter Integration nennen. Denn schon in der Schule würden die Weichen hierfür gelegt, so der Jurist. „Auf die Frage, warum ich denn keine Eins für meine Klassenarbeit in Erdkunde erhalten hätte, sagte mir damals mein Lehrer, ein türkisches Kind hätte noch nie eine Eins bei ihm bekommen.“ In derartigen negativen diskriminierenden Erfahrungen könnten auch die Handlungen deutscher und türkischer Nationalspieler begründet sein.

Auch Fragen zur sozialen Gerechtigkeit treiben den SPD-Bundestagsabgeordneten um, ein Beispiel: Mahmut Özdemir spricht sich gegen die Versorgungswerke von Beamten und Besserverdienern aus. „Es kann nicht sein, dass Arbeiter und Angestellte fast 20 Prozent weniger Rente bekommen, nur weil sie keine Beamten sind.“

Durch Jugendarbeit Solidarität lernen und leben

Michael van Meerbeck gab ebenfalls in einem Statement seine Gedanken und Erfahrungen zu einem gelingenden Miteinander zur Diskussion in die Runde. In seiner Jugend war er im katholischen Jugendverband tätig und „ohne diese Erfahrungen wäre ich wohl nie als Diakon zur Kirche gekommen“, erzählte der Caritas-Direktor von prägenden Eindrücken. Durch die demokratischen Strukturen in den Verbänden würde so etwas wie ein Demokratie-Gen weitergegeben, wofür Michael van Meerbeck sehr dankbar ist. So habe er dort gelernt, „wie man eine Satzung schreibt und sich später auch daran hält.“ Zugleich würde in der Jugendarbeit Solidarität gelernt und gelebt, ein hoher Wert, dessen Bedeutung schwinde, so sein Eindruck. „Ich befürchte, dass wir durch das Schmelzen der Jugendverbände gesellschaftlich ein Problem bekommen werden.“

Positiv ist für Michael van Meerbeck der Begriff Integration besetzt. „Dieses bedeutet ja auch, dass sich die Gesellschaft durch Zuwanderung und Migration weiterentwickelt. Es geht darum, neue Eigenschaften aufzunehmen, ohne dabei Grundwerte aufzugeben.“

Der aufschlussreiche Abend endete, wie könnte es anders sein, bei guten Gesprächen, Currywurst und Baklava.

Text: Rita Kleinschneider / Daniel Fissenewert

Trugen zu einem aufschlussreichen Abend im Kolpinghaus bei: (v. li.) Caritasdirektor Michael van Meerbeck, Moderator Uwe Slüter, Mahmut Özdemir, MdB, und Moderator Heinrich Wullhorst.  
Trugen zu einem aufschlussreichen Abend im Kolpinghaus bei: (v. li.) Caritasdirektor Michael van Meerbeck, Moderator Uwe Slüter, Mahmut Özdemir, MdB, und Moderator Heinrich Wullhorst.

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