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Kolping hat Zukunft

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MdB Karl Schiewerling MdB Karl Schiewerling
Kompletter Wortlaut des Interviews mit MdB Karl Schiewerling / Auszüge NRW Regionalseite 14 im Kolpingmagazin November 2009

Vor 25 Jahren wurde Karl Schiewerling erster Diözesansekretär des DV Münster. 2005 war er der erste Parlamentarier, der aus einem hauptberuflichen Kolpingamt direkt in den Bundestag wechselte.
Bis zu seiner Wahl vor vier Jahren in den 16. Deutschen Bundestag prägte Karl Schiewerling das Kolpingwerk im Hauptamt und weit darüber hinaus in zahlreichen Ehrenämtern der sozialen Selbstverwaltung.
Am Samstag, 31. Oktober 2009, wird Karl Schiewerling mit einem Festakt im Stadthotel Münster verabschiedet. Zuvor ist ein Dankgottesdienst um 15 Uhr in der St. Aegidii-Kirche.

Das Interview führte Rita Kleinschneider unmittelbar nach seiner erneuten Wahl in den Bundestag.

Herr Schiewerling, herzlichen Glückwunsch zum erneuten Direktmandat für den Bundestags-Wahlkreis 128 Coesfeld / Steinfurt II und der überragenden Bestätigung von 50,8 Prozent durch die Wähler.
Mit dem Beginn Ihrer zweiten Legislaturperiode endet also nach nun 25 Jahren Ihr seit vier Jahren ruhendes Amt als Diözesansekretär. Welche Initiativen entlang des 21-jährigen Kolpingweges bleiben mit Ihrem Namen verbunden? Was war Ihnen als Kolping-Verantwortlicher wichtig?

Wichtig war mir der intensive Kontakt zu den Kolpingsfamilien, Bezirks- und Kreisverbänden. Zwar wird jeder, der Mitglied in einer Kolpingsfamilie wird, gleichzeitig Mitglied im Bezirk, Kreis-, Diözesan- und Bundesverband, sowie im Internationalen Kolpingwerk. Aber die Kolpingsfamilie ist der Ort, in der jeder zunächst und konkret „Kolping“ erlebt. Da auch die Kolpingsfamilien und das Kolpingwerk insgesamt sich in einem offensichtlich permanenten Veränderungsprozess befinden, sah ich meine Aufgabe darin, an diesem Veränderungsprozess mitzuwirken und ihn mitzugestalten. Besonders wichtige Ereignisse waren dabei die Kolpingtage 1989 in Metelen und 1999 in Ahaus mit jeweils über 5.000 Teilnehmern. Einschneidender waren aber auch die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, die offensichtlich mit dem Wegfall der Berliner Mauer und damit der Systemgrenze zwischen Ost und West unsere Gesellschaft erreicht haben.
Um diese Veränderungsprozesse zu erkunden, fand das sog. „Verbandsprojekt“ statt. Sehr intensiv haben über einen mehrmonatigen Zeitraum ein Besucherteam mit vier Mitgliedern über 90 Prozent aller Kolpingsfamilien besucht und die Besuche ausgewertet. Die Ergebnisse haben heute noch eine zentrale Bedeutung. Zeitgleich fand der Veränderungsprozess im Kolpingwerk Deutschland statt. Hier wurden die Duderstädter Beschlüsse verabschiedet, an denen ich sehr intensiv mitwirken durfte. Von diesen Veränderungsprozessen war auch die Kirche betroffen. Das Diözesanforum im Bistum Münster hat diese Fragen aufgegriffen. Ich durfte maßgeblich daran mitwirken.
Die großen wirtschaftlichen Veränderungsprozesse ergriffen das Familien-Ferienwerk des Kolpingwerkes in Deutschland. Hier waren sehr große Kraftanstrengungen notwendig um die Zukunft des Familien-Ferienwerkes zu sichern. Und dann natürlich unser Zeichen der Solidarität mit den Menschen in den neuen Ländern: Der Bau der Kolping-Familienferienstätte in Salem (Mecklenburg-Vorpommern). Ich bin sehr dankbar, dass ich an all’ diesen Dingen mitwirken durfte und es gäbe sicherlich noch Vieles hinzu zu fügen.

In den vier Jahren als Arbeits- und Sozialpolitiker haben Sie als Sprecher der Bundestagsfraktion zur„Hartz IV“ Thematik und durch aktive Wahlkreisarbeit umfangreiche Einblicke bei Betrieben, Dienstleistern und Sozialeinrichtungen gewonnen. Welche Schwerpunkte würden Sie aus Ihrem heutigen Blickwinkel bei einer verantwortlichen Kolpingarbeit setzen?

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Kirchen und auch das Kolpingwerk als Teil der katholischen Kirche wie viele andere katholische Verbände auch, sich nicht darüber im Klaren sind, dass sie durch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft leisten. Wir schauen immer sehr stark auf unsere Defizite – Alter, mangelnde Bindungs- und auch manchmal mangelnde Bildungsbereitschaft, sehr Freizeit orientiert. Aber unterm Strich entwickelt das Kolpingwerk eine hohe Bindung auf seine Mitglieder und ist ein verlässlicher Partner in der Gesellschaft.
Die Kirchen halten, wie kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe, unsere Gesellschaft noch zusammen. Kolping ist gefragt im Bereich der Bildung. Zum Beispiel das Bemühen um die Menschen, die ohne tatkräftige Unterstützung der Mitarbeiter/-innen des Kolping-Bildungswerkes keine beruflichen Perspektiven erhalten würden. Kolping ist wichtig für Familien, weil sie hier Orientierung und Hilfe erfahren. Die Familienkreisarbeit ist eine der meist unterschätzten Leistungen des Kolpingwerkes, weil nicht deutlich genug wird, dass hier durch gute Beratung Stabilisierung der Familien erfolgt.
Viele Probleme unserer Gesellschaft sind darauf zurück zu führen, dass in den Familien Unsicherheiten hinsichtlich der Werte und der Erziehung der Kinder besteht. Kolping hat einmal gesagt: „Ohne Glauben und Vertrauen hält die Welt nicht zusammen.“ Dieses müssen Menschen in den Familien lernen. Hier hat Kolping eine große Chance und Aufgabe.

2007 wurde Ihr vielfältiges Engagement mit der „Theodor-Kochmeyer-Medaille“ als höchste Auszeichnung des DV Münster gewürdigt. In der Laudatio hieß es: „Karl Schiewerling ist es gelungen, den Verband so für die Gegenwart und Zukunft aufzustellen, dass das Kolpingwerk ein kompetenter Gesprächspartner in Kirche und Gesellschaft geworden ist“.
Angesichts zunehmender arbeits- und familiärer Belastungen, somit weniger Zeit für’s Ehrenamt, Veränderungen im Wertekodex, Entwicklungsprozesse in der Kirche (Kirchenaustritte, Fusionen), Mitgliederverluste und demografischer Entwicklung: Die Zeiten für katholische Sozialverbände werden härter. Was ist zu tun, damit die soziale Selbstverwaltung ihren Stellenwert behält und Kolping ebendieser akzeptierter Gesprächspartner bleibt?

Gerade weil die Zeiten immer stürmischer werden, gerade weil wir merken, dass aufgrund der hohen Staatsverschuldung der Staat viele Aufgaben nicht mehr alleine schultern kann und es wieder notwendig ist, sich auf Familien und auf soziale Netzwerke in einer Gesellschaft neu zu besinnen, haben auch Katholische Sozialverbände eine große Aufgabe und auch eine große Zukunft. Ich erinnere an das Ergebnis der Studie von Pfarrer André Müller (2004) im Rahmen des Jubiläums der Kolpingsfamilie Recklinghausen. Er hat deutlich aufgezeigt, dass Kolpingsfamilien nicht alle Probleme lösen können, aber in ihren Bereichen einen unverwechselbaren Beitrag für Kinder, Jugendliche und Familien und Ältere leisten können. Über diesen Weg werden auch Ehrenamtliche motiviert und mobilisiert. Die Frage ist, ob eine Kolpingsfamilie den Mut hat, sich auf einige wenige Aufgaben zu konzentrieren, diese aber konsequent zu machen und dadurch im gesellschaftlichen Umfeld des jeweiligen Ortes, der Stadt oder der Gemeinde, ein klares Profil zu haben. Dazu gehört auch das Verständnis, dass gerade von den Katholischen Sozialverbänden wie dem Kolpingwerk wichtige Impulse in die Sozialpolitik hinein gegangen sind. Das heutige Rentensystem gehört dazu. Aber auch der Aufbau des Gesundheitswesens und der dortigen Selbstverwaltung. Kolping wirkt mit KAB und Evangelischer Arbeitnehmer-Bewegung (EAB) gemeinsam in diesem Bereich als Arbeitsgemeinschaft christlicher Arbeitnehmerorganisationen mit. Ein wichtiger Teil gesellschaftlicher Mitverantwortung und eine große Aufgabe. Dies gilt übrigens auch für den Bereich des Handwerks. Bis heute wirkt das Kolpingwerk in der handwerklichen Selbstverwaltung mit. Eine große Chance, diesen wichtigen Wirtschaftsbereich mitzugestalten.
Nicht immer wurden in der Vergangenheit diese gesellschaftlichen Mitwirkungsmöglichkeiten gesehen und genutzt. Sie werden aber in Zukunft immer wichtiger.

Sie werden weiterhin begeisterter Kolpinger bleiben?

Ich bin noch ehrenamtlich Landesvorsitzender des Kolpingwerkes in Nordrhein-Westfalen. Viele Mitglieder des Deutschen Bundestages wissen von meiner engagierten Mitarbeit im Kolpingwerk. Im Wissen um diese Mitgliedschaft habe ich oftmals viele Vertrauensbeweise bekommen. Für mich selbst ist dies auch eine Verpflichtung. Leider ist es mir aufgrund meiner zeitlichen Verpflichtung nicht möglich, an den vielen guten Veranstaltungen unserer Kolpingsfamilie teilzunehmen. Aber durch unseren Familienkreis bin ich gut auf dem Laufenden. Ich werde weiterhin begeisterter Kolpinger bleiben und werde auch überall da, wo ich irgendwie kann, Kolpingsfamilien und den Verband unterstützen.
Umgekehrt bin ich auch darauf angewiesen, die Gemeinschaft des Kolpingwerkes zu erleben, weil man nur aus dieser konkreten Erfahrung auch die Kraft für die Arbeit schöpfen kann. Das konkrete Erlebnis ist wichtiger als manche noch so guten Worte.

Vielen Dank für Ihr aufschlussreiches Interview und beste Wünsche für Ihr Wirken im 17. Deutschen Bundestag.

Created by bvo
Contributors : Rita Kleinschneider
Last modified 2009-10-29 18:15
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