Volle Taschen - leere Taschen - Solidarität neu erleben
Margret Mönig-Raane, stellvertretende Bundesvorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft aus Berlin, vertrat in ihrem Eingangsstatement die Auffassung, dass es in jedem Fall schnell zu einer Umverteilung des „Vermögens“ kommen müsse. „Mehrwertsteuer müssen alle zahlen“, Vermögenssteuer nur wenige und die suchen nach Auswegen, siehe Liechtenstein. Weiterhin ist ihr wichtig, dass die Bildungschancen häufig zu gering sind, auch wenn es lt. Pisastudie einen leichten Anstieg gegeben habe. Sie warf dem Bund und den Ländern vor, teilweise ganz bewusst eine „dramatische Reduzierung der Steuerprüfer und damit den entsprechenden Stellenabbau“ vorgenommen zu haben, ohne dass es dafür eine vernünftige Erklärung gebe. Konkret warf sie den Verantwortlichen „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ vor und forderte nicht nur eine Rücknahme der Reduzierung, sondern eine Ausweitung der Stellen.
Der zweite Diskutant in der Runde war der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Coesfeld, Dr. Michael Oelck. Er stellte eine Entfremdung zwischen kleineren und mittleren Betrieben, insbesondere den Familienbetrieben und den industriellen Unternehmen fest. Die großen Betriebe sehen überwiegen ihren Profit und nicht die Menschen, während die kleinen und mittleren Unternehmen sowohl jeden ihrer Mitarbeiter kennen als auch selbst nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihr eigenes finanzielles Engagement einbringen. Weiter stellte er fest, dass es der große Vorteil dieser Betriebe ist, dass sie nicht nur eine sehr gute duale Ausbildung der jungen Menschen vornehmen, sondern auch sich persönlich um ihre Mitarbeiter kümmern und darauf achten, dass es ihnen weitgehend auch gut geht. Ein weiteres Plus, so Dr. Oelck, sei, das inzwischen gute Handwerker sehr gefragt sind und damit sich auch die Gelegenheit ergibt, ihnen einen entsprechenden Lohn zu zahlen und sie eine sehr gute Arbeit abliefern.
Karl Schiewerling, MdB, stellte in seinem Statement fest, dass die „so genannte Mittelschicht in den Betrieben, die gute Stundenlöhne erhalten, immer dünner wird“. Gleichzeitig sei es in den vergangenen Jahren zu einer „bedauerlichen Angleichung zwischen den Stundenlöhnen und der Grundsicherung nach dem ALG II“ gekommen ist. Dies wieder zu ändern, habe er sich zum Ziel gesetzt. Dabei dürfe aber der Mensch auf keinen Fall aus den Augen der Verantwortlichen verloren gehen. Hinzu komme insbesondere in den neuen Bundesländern die „Wanderungsproblematik“, weil viele junge Menschen keine Ausbildung bzw. keinen Arbeitsplatz bekämen. Dagegen sei festzustellen, dass inzwischen gute Handwerker mit ihren Betrieben in der ganzen Welt arbeiteten und insbesondere in den USA aufgrund ihrer Fachkenntnisse sehr gefragt seien.
Hier komme es dagegen zur Kostenexplosion zum Beispiel bei der Energie, bei den Lebensmittelpreisen und den täglichen Lebenshaltungskosten. Aus seiner Sicht fördert die die Alterarmut in verstärktem Maße, weil die Einkommen nicht steigen, sondern eher stagnieren. Gleiches gelte auch für die Löhne. Er sei dafür, dass zum jetzigen Zeitpunkt die Menschen allgemein, insbesondere aber die Berufstätigen mit ihren Familien, wieder einen entsprechend „großen Schluck aus der Pulle“ erhalten. Er spreche sich wie viele andere Verantwortliche dafür aus, dass in den laufenden Tarifverhandlungen in jedem Falle gute Ergebnisse erreicht würden.
Ein weiteres, zunehmendes Problem zeige sich immer mehr aus seiner Sicht: die „Entsolidarisierung der Menschen in der Gesellschaft“. Es sei heute chic, "Geiz ist geil" und "billig, billig, billig" als Motiv des eigenen Handels wieder abzulegen. Er forderte die rund 140 Teilnehmer des Abends auf, bei sich selbst anzufangen und nicht hinter den „Billigangeboten der Discounter“ her zu jagen.
Karl Schiewerling schloss den Abend mit einem Text, den er vor einiger Zeit in einem Jugendzentrum in Aachen gelesen habe und ihn deshalb hier zur allgemeinen Kenntnis geben wolle: „Wer in seinem Leben nur auf das Geldvermehren aus ist, der hat auch nichts anderes verdient als Geld“.
Foto: Beatrix Becker; Text Wilfried Erckens
